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THEMA

Die Krise unter Kindern

Der theologische, historische und missionarische Auftrag

Methodismus, Kinder und die Armen

Die Herausforderung und die Chance für die Evangelisch- methodistische Kirche

Ermächtigung zur Entwicklung einer "Initiative der Bischöfe"

Ziele der Bischofüchen Initiative

Anmerkungen

Der Bischofsrat der Evangelisch-methodistischen Kirche

KINDER UND ARMUT:
EINE INITIATIVE DER BISCHÖFE

Biblische und theologische Grundlagen

Der Bischofsrat der Evangelisch-methodistischen Kirche ist überzeugt, daß Gott seine Kirche zu verstärkter Hingabe und intensiverem Einsatz für Kinder und für die Verarmten ruft. Durch die "Initiative der Bischöfe für Kinder und Armut" leitet der Bischofsrat Schritte ein, um der Kirche zu helfen, diesem Ruf Gottes zu folgen. Sie sind eingeladen, die biblischen und theologischen Grundlagen zu studieren und zu überdenken, die die Arbeit des Bischofsrats leiten und tragen. Sie werden auch ermutigt, für die Mitglieder des Bischofsrats zu beten, während sich diese weiterhin bemühen, die nächsten Schritte zu erkennen, die nötig sind, um dem Ruf Gottes, gemeinsam mit Kindern und Verarmten im, Dienst zu stehen, zu gehorchen

Die Krise unter Kindern

Kinderopfer waren während der letzten dreitausend Jahren in den großen Weltreligionen tabu; heute jedoch werden Kinder den Götzen des Konsums, der Gewalt und der unterlassenen Fürsorge geopfert. Wirtschaftliche Ungerechtigkeit, rassischer, völkischer und religiöser Haß sowie der Mißbrauch politischer Macht führen zu Völkermord an den verletzlichsten Bürgern der Welt, den in Armut lebenden Kindern.

Unterernährung tötet - so wird geschätzt - 35.000 Kinder an einem jeden Tag. Ungefähr 10 Millionen Kinder sterben jedes Jahr durch mit Armut zusammenhängenden Ursachen. Während des letzten Jahrzehnts allein haben Kriege 2 Millionen Kinder hingemordet und zwischen 4 und 5 Millionen Kinder zu Krüppeln gemacht. Mehr als 5 Millionen wurden zwangsweise in Flüchtlingslager gebracht und mindestens 12 Millionen haben ihre Heimat verloren. Derzeit sterben durch Kriege mehr Kinder als Soldaten. 12 Millionen der Kinder der Welt wachsen ohne ihre Familien auf.1 Etwa 80 Millionen Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren arbeiten für niedere Löhne unter oft gefährlichen Umständen, um Billigprodukte für die Bürger der wohlhabenderen Nationen zu liefern. Ungefähr 1 Million asiatischer Kinder schuften in beengten Räumen, um Teppiche für den Verkauf im Westen herzustellen2.

Wirtschaftliche Marginalisierung bedroht Millionen von Kindern. In den letzten 10 Jahren hat sich das Realeinkommen von zirka 800 Millionen Menschen in etwa 40 Entwicklungsländern verringert. In Lateinamerika betrug der Rückgang der Einkommen bis zu 20 Prozent. Im Afrika südlich der Sahara war der Rückgang oft noch gravierender. Kürzungen von Mitteln für wichtige soziale Dienste bedeuteten Gesundheitszentren ohne Ärzte und Medikamente, Schulen ohne Bücher und Lehrer, Familienplanungskliniken ohne Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und ohne Material3.

Die zunehmende Ungleichheit bei der Verteilung der Grundgüter droht, die Zahl der Armen drastisch zu erhöhen und ihr Leiden zu verschärfen. Ein Fünftel der Weltbevölkerung hat heute Anteil an weniger als 1,5 Prozent des Welteinkommens. Die bei dieser zunehmenden Ungleichheit am meisten Gefährdeten sind die Kinder. Sie sind die Anfälligsten schon für leichte Krankheiten, für Verletzung, Analphabetentum, unterlassene Fürsorge, Unterernährung und Mißbrauch. Die Gelegenheit, diese Kluft für Kinder zu schließen, besteht jetzt, aber es ist nicht wahrscheinlich, daß diese Türe lange offen bleibt, da die Kosten mit jedem Jahr verfehlten Tuns wachsen.

Die wirtschaftliche Ungleichheit und Gewalt sind begleitet von der stets gegenwärtigen Bedrohung durch Krankheiten und Epidemien. Obwohl Fortschritte bei der Verhütung von Kinderkrankheiten erzielt wurden, tauchen neue Gefahren auf. AIDS, zum Beispiel, schafft Waisen überall auf der Welt. Weltweit ziehen sich eine gleiche Zahl von Männern und Frauen den AIDS-Virus zu. In Afrika entfallen beispielsweise derzeit 55 Prozent aller neuen HIV-Fälle auf Frauen. Schätzungen der Zahl von Kindern, die allein in Uganda durch Krieg und AIDS zu Waisen wurden, belaufen sich auf 600 000 bis zu 1,2 Millionen.

Eiine wachsende Zahl von Kindern in den USA leidet unter den Dämonen der Gewalt, der Armut, der unterlassenen Fürsorge und unzureichender Gesundheitsfürsorge. Die Kluft zwischen Reichen und Armen ist in den USA heute größer als je seit dem 2. Weltkrieg. Die USA sind zweimal so wohlhabend wie 1964, als Kinderarmut real abnahm. Zwischen 1S79 und 1989 stieg Kinderarmut um 21 Prozent, während das Bruttoszialprodukt um mehr als ein Viertel zunahm. Die obersten 20 Prozent der amerikanischen Haushalte steigerten zwischen 1967 und 1992 ihren Anteil am Nationaleinkommen um mehr als 116 Milliarden US$. Die ärmsten 20 Prozent besitzen heute nur 5 Prozent des Nationaleinkommens. Nach dem Institut für Wirtschaftspolitisch gewannen die oberen 10 Prozent der amerikanischen Familien in den 80er Jahren soviel Einkommen, nämlich 543 Milliarden $, wie die übrigen 90 Prozent zusammen. Kriminalität, Gewalt, Bestrafung, unterlassene Fürsorge und Verzweiflung werden gezüchtet und genährt auf dem Boden der zunehmenden wirtschaftlichen Ungleichheit Amerikas.

Die Vereinigten Staaten haben jetzt die höchste Armutsrate seit mehr als 30 Jahren. Mehr als 15 Millionen amerikanische Kinder leben in Armut, 9 Millionen fehlt die gesundheitliche Grundversorgung, und Vorschulimpfungen bleiben hinter denen einiger Dritteweltländer zurück. Kurzlich erlassene Gesetze zur Wohlfahrts-"Reform" - darin sind sich viele Sozialwissenschaftler einig - werden die Armut unter Kindern nur noch verschärfen; und die nachteiligen Folgen der Gesundheitsfürsorge-"Reform" werden höchstwahrscheinlich die Kinder treffen, vor allem verarmte Kinder. In einer Zeit, in der Technik und Wissenschaft die Mittel besitzen, viele Krankheiten zu behandeln und zu verhüten, stehen diese Hilfsmittel den verwundbarsten Menschen, den Kindern und den Verarmten, weniger zur Verfügung.

Alle zwei Stunden wird in den USA ein Kind durch Feuerwaffen getötet. Zwischen 1967 und 1991 starben 50 000 amerikanische Kinder durch Schußwaffen. Mord steht jetzt an dritter Stelle der Todesursachen bei amerikanischen Kindern zwischen 5 und 14. Innerhalb eines Zeitraums von 15 Jahren starben in Amerika ebensoviele Kinder durch Feuerwaffen wie im Vietnamkrieg Soldaten gefallen sind. Beinahe 3 Millionen Kinder wurden Berichten zufolge 1992 mißhandelt oder vernachlässigt, ein Kind alle 11 Sekunden.4

Die Statistik allein zeigt nicht die ganze Geschichte dessen auf, was den Kindern unserer Welt widerfährt. Kinder sind die Opfer vieler Formen der Armut. Geistliche Armut ist schwieriger zu messen, aber ihre zerstörerischen Wirkungen auf die Wohlhabenden und die Verarmten sind offensichtlich. Liebe, Hoffnung und Lebenssinn entbehren zu müssen heißt, des vollen Lebens, das Christus für alle will, beraubt zu sein. Alle Kinder haben ein fundamentales Bedürfnis und Recht zu wissen, daß sie von Gott unendlich geliebt sind und daß Gott will, daß sie alle ein Leben der Freude, der Hoffnung und der Sinnerfüllung haben. Kinder müssen ihre Identität und ihren Wert sowohl als Empfänger als auch als Mittel der Gnade Gottes erfahren. Was den Kindern unserer Welt widerfährt, stellt eine sündhafte Abwertung des Lebens als einer Gnadengabe Gottes dar und ein Vereiteln der Gerechtigkeit Gottes für die ganze Menschheit.

Die Situation der Kinder unserer Welt fordert die Evangelisch-methodistische Kirche heraus, ihre grundlegende theologische Gründung, ihr wesleyanisches Erbe und ihren Auftrag neu zu überdenken. Mit Entschiedenheit auf die Krise unter "diesen Geringsten" zu reagieren heißt, teilzuhaben am Leben und an der Mission des Gottes des Exodus und Jesu, der neue Möglichkeiten eröffnet, den Armen die Gute Nachricht und den Gefangenen Freiheit zu bringen.


Der theologische, historische und missionarische Auftrag

Die Notlage von Kindern und Verarmten wirft kritische theologische Anliegen auf. Der Apostel Paulus stellt uns vor die grundlegende Herausforderung: "So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder, und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat" (Epheser 5,1).

Die vorrangige Frage ist die nach dem Wesen und Handeln des Gottes, dessen Vorbild wir folgen. Die Kirche ist gerufen, Beispiel und Zeichen der Gegenwart des Gottes zu sein, den die Heilige Schrift inbesonders in Jesus Christus offenbart.

Das Wesen und das Ziel Gottes wurden einst Mose geoffenbart, als eines Gottes, der sieht, hört und die Leiden der Unterdrückten kennt: "lch habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, daß ich sie errette" (2. Mose 3, 7-8). Durch die Fünf Bücher Mose, die Psalmen und die Propheten hindurch ist die Verbindung mit den verwundbarsten Schichten der Gesellschaft, einschließlich der verarmten Kinder, wesentlich für die Kennzeichnung des Wesens Gottes. Ja, das entscheidende Wesenskennzeichen des Gottes der Bibel, im Unterschied zu anderen Göttern, ist gerade Gottes Verbindung mit den Verwundbaren, besonders den "Witwen und Waisen" (siehe 2. Mose 22, 21-24; Psalm 10, 17-18; Psalm 68, 4-6; Jesaja 10, 1-4; und Jeremia 5, 28-29).

Treue gegenüber Gott verlangt Solidarität mit und Gerechtigkeit für die Verletzlichsten, die Witwen und Waisen. Durch Gerechtigkeit, Mitgefühl und Barmherzigkeit geprägte Beziehungen mit den Armen sind wichtiger als kultische Praktiken und sind normative Erwartungen an das Volk Gottes. "Schaffet Recht dem Armen und der Waise und helft dem Elenden und Bedürftigen zum Recht. Errettet den Geringen und Armen und erlöst ihn aus der Gewalt der Gottlosen" (Psalm 82, 3-4). Die folgenden Worte aus Jesaja sind typisch dafür, wie der Prophet Treue gegenüber Gott definiert:

"Wenn ihr kommt zu erscheinen vor mir - wer fordert denn von euch, daß ihr meinen Vorhof zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Greuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, laßt ab vom Bösen! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!" (Jesaja 1, 12-17)

Der Zehnte soll ein Mittel sein, um den Armen zu helfen und für sie zu sorgen, wie das Deuteronomium klarmacht:

"Wenn du den Zehnten deines ganzen Ertrags zusammengebracht hast im dritten Jahr, das ist das Zehnten-Jahr, so sollst du ihn den Leviten, den Fremdlingen, den Waisen und den Witwen geben, daß sie in deiner Stadt essen und satt werden. Und du sollst sprechen vor dem Herm, deinem Gott: Ich habe aus meinem Hause gebracht, was geheiligt ist, und hab s gegeben den Leviten, den Fremdlingen, den Waisen und den Witwen ganz nach deinem Gebot, das du mir geboten hast. Ich habe deine Gebote nicht übertreten noch vergessen." (5. Mose 26, 12-13)

In der Hebräischen Bibel ist Gott derjenige, der Gerechtigkeit für die Witwe, den Waisen und den Fremdling übt. Gott wird nicht mit Begriffen abstrakter Heiligkeit, Allmacht oder Allwissenheit definiert, sondern durch seine Verbundenheit mit den Verwundbaren. Es ist dieser Gott, dessen "Beispiel" wir zu folgen haben. Jeder andere Gott ist ein Götze.

Dieser Gott, der durch seine Verbundenheit mit den Verwundbaren gekennzeichnet ist, ist in Jesus Christus Fleisch geworden. Lukas schildert Jesus als ein Kind, von Maria vor ihrer Heirat geboren und gütigerweise von Josef adoptiert, der dadurch zurn Musterbeispiel für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit wird. Matthäus schildert Jesus als einen illegalen Ausländer und Fluchtling in Ägypten und verbindet so die Merkmale des verarmten Kindes mit denen des Ausländers oder Einwanderers.

Nach Lukas wird Jesus in einer Krippe unter Obdachlosen geboren. Er beginnt seine Wirksamkeit in Nazareth mit den Worten aus Jesaja: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, daß sie frei sein sollen, und den Blinden, daß sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herm" (Lukas 4, 18-19). Jesus verkehrte mit "Ausgestoßenen und Sündern", den an den Rand der Gesellschaft Gedrängten. Er wurde zwischen zwei Verbrechern hingerichtet und in einem geborgten Grab bestattet. Er identifizierte sich so eng mit den Armen und "diesen Geringsten", daß ihnen erwiesener Dienst ihm getan wird (Matthäus 25, 31-46).

Die Evangelien identifizieren das Reich Gottes mit Kindern. Das Markusevangelium erklärt: "Und er nahm ein Kind, stellte es mitten untersie und herzte es und sprach zu ihnen: Wer ein solches Kind aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat" (Markus 9,36-36). Auf Kinder richtet sich im besonderen das Reich der Gerechtigkeit, Fülle und Freude. Jesus tadelt scharf diejenigen, die den Willen Gottes für Kindern behindern und vereiteln möchten (Markus 10, 13-16). Er bricht die Untersheidung zwischen "unseren" Kindern und den anderen auf (Matthaus 10, 37-39; Lukas 14, 26- 27). Er ruft klar zur Fürsorge für alle Kinder als unsere Kinder. Alle Kinder werden in gleicher Weise von Gott geliebt, und Gott trachtet danach, daß sich in jedem Kind Gottes Ebenbild verwirklichen kann.

Jakobus kennzeichnet echten Glauben mit diesen Worten: "Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der. die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich selbst von der Welt unbefleckt halten" (Jakobus 1, 27). Als der Leib Christi soll die Kirche ein Zeichen, ein Vorschmack und ein Instrument der Herrschaft Gottes in der Welt sein. Die Kirche muß sich daher mit denen identifizieren, mit denen Christus sich identifiziert und denen er dient. Ja, die Glaubenstreue der Kirche wird an ihrem Dasein für "diese Geringsten", besonders für Kinder und die Armen, und an ihrem Umgang mit ihnen gemessen.


Methodismus, Kinder und die Armen

Der Methodismus wurde im England des 18. Jahrhunderts unter den Verarmten geboren. So bedeutsam war der Dienst John Wesleys mit den Armen, daß er feststellte: "Und gewiß wurden in keinem Zeitalter und keiner Nation seit den Aposteln jene Worte herausragender erfüllt, als es dieser Tage geschieht: 'Den Armen wird das Evangelium gepredigt' ."5 Untersuchungen belegen, daß die Armen der zentrale Brennpunkt der frühen methodistischen Bewegung waren.6 Alles, was Wesley in der Leitung der methodistischen Erweckungsbewegung tat, war beeinflußt dadurch, welche Auswirkungen es auf die Armen hatte - wo und wem er predigte, die Gestaltung der Predigthäuser, der Zugang zu Veröffentlichungen, die Erziehung der Kinder, die Leitung der Klassen und Gemeinschaften. Wesley hielt regetmäßigen Besuchsdienst bei Armen für eine notwendige geistliche Disziplin. Er hätte eher die Teilnahme an der Eucharistie versäumt, als regelmäßige Besuche bei Armen zu vernachlässigen. Die Armen begleiteten ihn buchstäblich bis zum Grabe. Wie er es in seinem Testament festgelegt hatte, wurde er von 6 armen Leuten zu seinem Grabe getragen, denen dafür je 1 Pfund bezahlt wurde. Die schwarzen Behänge, die in der Kapelle bei seiner Bestattungsfeier verwendet wurden, wurden zu Kleidungsstücken umgearbeitet und an arme Frauen verteilt.7

Kinder und all ihre Bedürfnisse waren ein besonderes Anliegen für die ersten Methodisten. Wesley lag besonders daran, daß verarmte Kinder nicht nur "Lesen, Schreiben und Rechnen" lernten, sondern "mehr noch und besonders (mit Gottes Hilfe) Gott und Jesus Christus, den er gesandt hat, kennenlernten." Der Lehrplan methodistischer Schulen umfaßte Religionsunterricht, Gottesdienst und sogar Fasten ebenso wie intensiven wissenschaftlichen Unterricht. Von methodistischen Predigern wurde erwartet, daß sie Zeit mit kindern zubrachten. Wenn immer 10 kindern einer Gemeinschaft angehörten, hatten die Prediger eine Gruppe einzurichten und zweimal in der Woche mit ihr zusammenzukommen. Einige Prediger hielten sich zurück mit der Behauptung, "aber ich habe dafür keine Gabe ". Wesleys unmißverständliche Antwort war: "Gabe oder keine Gabe, du hast es zu tun, oder du bist nicht zum methodistischen Prediger berufen."9

Wesleys Einsatz für Kinder und Verarmte ging weit über Freundschaft und Verkündigung hinaus. Er suchte sich ihrer Bedürfnisse ganzheitlich anzunehmen. Er sorgte für Bildung, eroffnete kostenlose Gesundheitseinrichtungen, errichtete eine Nähgenossenschaft für arme Frauen, eine Leihagentur, wandte sich gegen die Sklaverei, besuchte die Gefangenen und kümmerte sich um verurteilte Übeltäter. Der Methodismus des 18. Jahrhunderts war eine Bewegung der Armen, von den Armen für die Armen; und Wesley erachtete Wohlstand als die ernsthafteste Bedrohung der fortdauernden Lebenskraft und Glaubenstreue der methodistischen Bewegung."

Wesley war überzeugt, daß Arme "Gnadenmittel" sind. Wie er in seinem Journal (1 5. April 1745) schrieb: "Der Glaube darf nicht von den Größten zu den Geringsten gehen, sonst würde es scheinen, daß die Kraft von Menschen käme." Er fand, daß das Evangelium von der universalen Gnade Gottes seine Echtheit an den Armen erwies. Die Reaktion der Armen auf die Verkündigung des Evangeliums der vorlaufenden, rechtfertigenden und heiligenden Gnade war eine Hauptquelle für Wesleys eigene Heilsgewißheit.

Francis Asbury teilte den wesleyanischen Eifer für die Armen. Er ermahnte die Prediger, Glaubenstreue verlange, daß sie sich der Armen annehmen. Der Bau einfacher Predigthäuser und die Ausrichtung auf die wirtschaftlich weniger Wohlhabenden setzte sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fort. Dann trachteten die amerikanischen Methodisten danach, mit den anderen Kirchen in Wettbewerb um die "gewichtigeren" Leute, die Wohlhabenderen, zu treten. Predigthäuser, Wohnhäuser und die Lagerversammlungen als Orte des liturgischen und gemeinschaftlichen Lebens wurden ersetzt durch reicher geschmückte den Hauptstraßen errichtete Gebäude. Allmählich entfernte sich die Kirche von den Armen, die Gegenstand der Mission wurden und nicht mehr Wesensbestandteil des kirchlichen Lebens waren. Dieser Trend hat sich bis heute fortgesetzt, und wir finden die Armen selten in unserem Gottesdienst und unserer Gemeinschaft.

Die Evangelisch-methodistische Kirche In den USA erlebt einen alarmierenden Verlust nicht nur von verarmten Kindern, sondern auch von kindern der Mittelklasse. Der Rückgang bei der Mitgliedschaft der Kirchenschule (Sonntagschule einschließlich Erwachsener) und der Beteiligung von kindern in den Gemeinden der EmK, gerade in einer Zeit, wenn Kinder zunehmend physisch und geistlich gefährdet sind, ist Gericht über uns und gleichzeitig ein Ruf zu sofortigem Handeln. In der Kirche in Amerika erfüllt sich möglicherweise die Furcht Wesleys vor den Folgen des Wohlstands und der Scheidung von den Verarmten: die äußere Form des Glaubens zu haben, aber seiner Kraft zu ermangeln.

Eine Kirche, die von "diesen Geringsten" getrennt ist, ist damit von der Quelle ihrer Identität und ihrer Kraft geschieden, nämlich dem Gott, der als der Gekreuzigte und Auferstandene unter den Verwundbarsten lebt. Die Gaben der Kinder und der Verarmten zu empfangen, ist daher ein Mittel, durch das Gott Leben wiederherstellt und schafft. Die Situation der Kinder und der Armen in unserer Welt fordert die "Leute, die sich Methodisten nennen" heraus, ihre Identität und ihren Auftrag wiederzugewinnen, Zeichen, Vorschmack und Werkzeug des Kommens des Gottesreiches der Gerechtigkeit, der Fülle und der Freude zu sein.


Die Herausforderung und die Chance für die Evangelisch-methodistische Kirche

Die Krise unter den Kindern und Verarmten der Welt bietet der Evangelisch-methodistischen Kirche einen kairos, eine gottgegebene Möglichkeit. Viele Einrichtungen, Regierungen und Einzelpersonen sind angesichts der ungeheuren Nöte durch Verzweiflung und Angst gelahmt. Jedoch sind für die, "die Augen haben zu sehen und Ohren zu hören", Zeichen der Hoffnung in Fülle vorhanden. Zum ersten Mal in der Geschichte ist es tatsächlich möglich, eine Welt zu schaffen, in der allen Kindern mindestens die grundlegenden Chancen für ihr Leben gegeben sind. Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden, um Kinder vor den häufigsten Krankheiten zu schützen und ihre Bedürfnisse für Nahrung, Unterkunft, Kleidung und Gesundheitsfürsorge zu befriedigen. Zum größten Teil wissen wir, was zu tun ist und wie es zu tun ist. Was fehlt, ist die klare Perspektive und die moralische Willenskraft. Perspektive und moralische Willenskraft liegen in der Verantwortung der Kirche.

Kinder sind erstaunlich widerstandsfähig . Neuere Studien besagen, daß zu der Hauptquelle für diese Widerstandsfähigkeit von Kindern eine tragende, stützende Gemeinschaft und Hoffnung gehören. Ein liebevolles Umfeld, Hoffnung für die Zukunft und ein tragfähiges Wertesystem sind notwendig für Kinder, damit sie gedeihen und ihr gottgegebenes Potential nutzen können.

Alle Kinder müssen wissen, daß sie als Ebenbilder Gottes geschaffen und zutiefst von Gott geliebt sind, der bei ihnen ist und der will, daß sie Leben in Fülle haben. Jesus Christus nimmt sie als unveräußerliche Bestandteile einer Gemeinschaft der Gnade und des Dienstes an. Für die Kinder aller wirtschaftlichen Verhältnisse ist es notwendig, daß sie das Evangelium erleben.

Die Krise unter Kindern und Verarmten ist in Wirklichkeit eine geistliche Krise, die alle Menschen betrifft. Die wachsende Furcht und das zunehmende Gefühl der Ohnmacht und der Langeweile in der Mittelklasse und unter Wohlhabenden haben ihre Wurzeln im Mangel einer klaren Perspektive, von Gemeinschaft und von Hoffnung. Die "Armut des Reichtums" und wirtschaftliche Armut hängen zusammen. Ohne eine herausfordernde Vision, die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit für die Verletzlichsten umfaßt, bleiben wir an uns selbst hängen. Untersuchungen zeigen, daß sich Einstellungen zum Reichtum verändern und Wohlstand immer mehr als "mein" angesehen wird anstatt als von Gott anvertrautes Gut. Das biblische Zeugnis und unsere wesleyanische Tradition bekräftigen eindeutig, daß Trennung von "diesen Geringsten" die Wohlhabenden der Fülle des Lebens beraubt. Ein Beziehungsfeld von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zwischen den Wohlhabenden und den Verarmten ist ein Mittel umgestaltender Gnade für beide.

In letzter Zeit verabschiedete Gesetze in den Vereinigten Staaten verschärfen die Dringlichkeit und vermehren die Möglichkeit für die Kirche, mit kindern und Verarmten zu arbeiten. Örtliche, einzel- und gesamtstaatliche Regierungsstellen sind offen, mit der Kirche Partnerschaften einzugehen. Das gegenwärtige politische Klima macht die prophetische und mifühlende Stimme der Kirche zugunsten der Kinder und der Verarmten umso wichtiger. Staatliche Entscheidungen, die Kinder und Verarmte betreffen, bedürfen dringend der Mitwirkung der Kirche im Bereich der örtlichen, staatlichen, nationalen und der Weltpolitik. Jetzt ist die Zeit für die Kirche, die Stimme der Stimmlosen zu werden.

Als eine Antwort auf die Krise unter Kindern und Verarmten und in Treue zu Jesus Christus leitet der Bischofsrat eine "Initiative der Bischöfe" ein, die in ihrem Kern auf Kinder und Armut zielt. Wir rufen alle Bereiche der Evangelisch-methodistischen Kirche auf, sich dadurch prägen zu lassen, daß Gott unter "dieser Geringsten" gegenwärtig ist. Wir sind die erste Generation in der Geschichte, die die Fähigkeit besitzt zu verwirklichen, was früher nur vorstellbar war. Durch Techniker und Wissenschaftler hat Gott die Ziele, unnötiges Leiden zu beseitigen und zu verhüten, in Reichweite gebracht. Was not tut, ist eine erneuerte Vision von der Gottesherrschaft in Gerechtigkeit, Fülle und Freude für alle Menschen. Sich aus einer solchen Vision Kraft schenken zu lassen, ist die Herausforderung und die Chance, vor der die Evangelisch-methodistische Kirche und die Welt stehen.


Ermächtigung zur Entwicklung einer "Initiative der Bischöfe"

Der Bischofsrat der Evangelisch-methodistischen Kirche hat bei seiner Tagung vom 29. April - 5. Mai 1995 die folgende Resolution angenommen, die vom Ausschuß für Initiativen der Bischöfe vorgelegt worden war:

In der ganzen Welt leiden und sterben Kinder als Opfer von Gewalt, Armut, unterlassener Fürsorge und Ausbeutung. Während der letzten 10 Jahre starben 100 Millionen Kinder durch mit Armut verbundenen Ursachen. Alle zwei Stunden wird in den Vereinigten Staaten ein Kind durch Feuerwaffen getötet. Völkermord geschieht an den verarmten, mißbrauchten und vernachlässigten Kindern der Welt.

Der Gott des Exodus und Jesu Christi identifiziert sich mit den Verwundbarsten. Gott hört ihr Schreien, kennt ihr Leiden und will ihre Erlösung. Gottes mit-leidende und seine erlösende Gegenwart unter den verletzlichsten seiner Kinder ruft die Kirche, sich der Intitiative Gottes für Befreiung, Versöhnung und Rettung anzuschließen.

Der Bischofsrat wird daher gebeten, den Ausschuß für Intitiativen der Bischöfe zu ermächtigen, ein Instrumentarium zu entwickeln, durch das der Bischofsrat die Evangelisch-methodistische Kirche dazu hinführen kann, daß sie der Tatsache, daß Gott unter den Kindern unserer Welt gegenwärtig ist und mit ihnen zusammen wirkt, Rechnung trägt und Neues schafft.

Eine Arbeitsgruppe wurde eingesetzt und angewiesen, einen Vorschlag für eine Initiative der Bischöfe mit dem Schwerpunkt auf "Kinder und Armut" auszuarbeiten. Diese Arbeitsgruppe hat das vorliegende Dokument erstellt, das jetzt der Kirche mit Billigung des ganzen Bischofsrats unterbreitet wird. Die Initiative wird in weiteren Schritten fortentwickelt, mit denen der Bischofsrat die Kirche bei der Verwirklichung der folgenden Ziele voranführen möchte.


Ziele der Bischofüchen Initiative

Die Krise unter kindern und Verarmten sowie unsere theologisehe und geschichtliche Tradition verlangen mehr als nur zusätzliche Programme oder Akzente. Nichts weniger ist gefordert als die Umgestaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche im Sinne des Gottes, der unter "diesen Geringsten gegenwärtig ist,. Das Ziel ist, alles, was die Kirche ist und tut, daraufhin zu überprüfen, wie es sich auf Kinder und Verarmte avswirkt. Das erwartete Ergebnis ist die Entwicklung von Formen des gemeindlichen und gesamtkirchlichen Lebens und Auftrags, die getreuer den Gott widerspiegeln und ihm dienen, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat. Gemeinschaftsformen der Glaubenden, die durch Gottes Gegenwart unter den Verletzlichsten geprägt sind, stellen Alternativen dar zu den Werten und Perspektiven der herrschenden Kultur.

Ebenso ist es ein Ziel der lnitiative, Hilfsmaterial zur Verfügung zu stellen, um die Krise unter Kinder und Verarmten zu verstehen und so die Kirche zu erforderlichen Schritten zu befähigen. Bestandteile des Hilfsmaterials werden u. a. folgende sein: eine Beschreibung der Krise; der theologische, geschichtliche und missionarische Auftrag, der Krise zu begegnen; Strategien für eine angemessene Antwort seitens der Ortsgemeinden und gesamtkirchlicher Einrichtungen. Zu den Fragen, die in dem Hilfsmaterial beantwortet werden, gehören folgende: Was ist Wesen und Ausmaß der Krise unter Kindern und Verarmten? In welcher Weise ist diese Krise eine theologische Krise der Evangelisch-methodistischen Kirche? Welche Gegebenheiten gefährden Kinder? Welches sind die Ursachen von Armut? Welches ist das Ausmaß der Armut in der Welt, besonders unter kindern? Welches sind die Auswirkungen der besonderen Gegenwart Gottes unter den Verwundbaren auf die Evangelisch-methodistische Kirche? Wie kann die Evangelisch-methodistische Kirche Kinder und Verarmte angemessener in ihr Leben und ihren Auftrag integrieren? Wie kann die Kirche den jetzigen Opfern von Armut gerecht werden? Wie kann die Kirche Armut verhüten und die Gefährdung von Kindern unterbinden? Was müssen Ortsgemeinden, kirchliche Institutionen und gesamtkirchliche Einrichtungen sein und tun, um der Krise unter Kindern und Verarmten zu begegnen? Wie hängen wirtschaftliche Armut und "die Armut der Reichen" zusammen? Wie können die Möglichkeiten der Verarmten und die Möglichkeiten der Wohlhabenden zur Erfüllung der Ziele Gottes zusammengebracht werden? Wie kann die Kirche eine prophetische Rolle spielen bei der Gestaltung der staatlichen Politik in Bezug auf Kinder und Verarmte?

Das Hauptziel ist Evangelisation, die Verkündigung durch Wort und Tat der Guten Nachricht von Gottes erlösender, versöhnender und erneuernder Gnade In Jesus Christus für die Kinder und die durch Armut Unterdrückten, und mit ihnen . Die Evangelisch-methodistische Kirche ist aufgerufen, ein "Gnadenmittel" für die Verletzlichen zu sein. Die Kirche muß auch offen und annahmefähig sein für Gottes neugestaltende Gnade durch die Verletzlichen. Die Gaben der Kinder und der Verarmten anzunehmen wird ein Mittel sein, durch das die heutige Kirche evangelisiert. Evangelisation schließt die Einverleibung derer, die an den Rand gedrängt sind, in die Gemeinschaft der Gnade ein; daher muß die Kirche über soziale Dienstleistungen hinausgehen. Sie muß muß gerechte, aufnahmeähige und mitfühlende Gemeinschaften pflegen und aufbauen, in denen die Geringsten Zugang haben zu Gottes übervollem Tisch. Der Schwerpunkt liegt auf der Weitergabe und dem Ausleben des Evangeliums von Jesus Christus mit allen Kindern und dem bewußten Hingehen zu verarmten Menschen als Empfängern und Werkzeugen der Gnade Gottes in Jesus Christus.


Anmerkungen

  1. The State of the World s Children (UNICEF, 1995).
  2. Pharis J. Harvey, 'V/here Children Work: Child Servitude in the Global Economy," The Christian Century (April 5, 1995).
  3. The State of the World s Children.
  4. Marian Wright Edelmann, "Cease Fire! Stopping the Gun War Against Children in the United States," The Chicago Theological Seminary Register (Winter, 1995).
  5. The Works of the Rev. John Wesley, M. A., herausgeg. von Thomas Jackson, 3. Auflage, Band 14 (London: Wesleyan Methodist Book Room, 1872; viele spätere Neuauflagen), 8:308.
  6. Siehe Theodore W. Jennings, Jr., Good News to the Poor. John Wesley s Evangelical Economics Nashville: Abingdon Press, 1990), und M. Douglas Meeks (Herausgeber), The Portion of the Poor: Good News to the Poor in the Wesleyan Tradition (Nashville: Kingswood Books, 1995).
  7. Henry D. Rack, Reasonable Enthusiasts: John Wesley and the Rise of Methodism (Nashville: Abingdon Press, 1992), 533.
  8. Richard P. Heitzenrater, Wesley and the People Called Methodists (Nashville: Abingdon Press, 1995), 105-6.
  9. Ibid. 232.
  10. Siehe Wesleys Aufsatz "Thoughts Upon Methodism" vom 4. August 1787, und seine Predigt "On God's Vineyard," geschrieben 1787, nachdem Wesley in ganz England Gemeinden besucht hatte.