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KLAUS U. ROUF

Pastor Hans-Martin Renno

Wählen und christlichen Nachfolge: Gebraucht - klüge, wache, inspirierte Köpfe

 

Hans-Martin Renno
November Dezember 2016

ENGLISCH

Am Anfang der Bibel beauftragt Gott die Menschen: Nehmt die Erde in Besitz (Gen 1,28). Der Mensch erhält von Gott die Aufgabe, den Garten bzw. die Erde zu pflegen und zu schützen (Gen 2,15). – Damit ist uns von Gott die Verantwortung für das Leben und die Gestaltung der Welt übertragen worden.

Die Propheten des Alten Testaments mahnen und warnen, Schritte auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens zu gehen. Sie kritisieren den Missbrauch der politischen Macht (Könige und Militär), sie fordern gerechte Beziehungen in Wirtschaft und Handel, sie beklagen Korruption und Vetternwirtschaft im Gerichtswesen; und auch für das Zusammenleben in den persönlichen Beziehungen in Familie und Nachbarschaft bzw. Gesellschaft sind Frieden und Gerechtigkeit die leitenden Kriterien.

Im Neuen Testament lässt uns Jesus ansatzweise das Reich Gottes entdecken. Die Bergpredigt spricht und insbesondere die Seligpreisungen sprechen von Gottes neuer Welt. In seinem Reich wird Freude sein, Barmherzigkeit, Friede, Gerechtigkeit, kein Leid, keine Gewalt, kein Hunger und Durst, keine Verfolgung (Mt 5,3-11).

Zivilgesellschaftliche Beteiligungsmöglichkeiten, demokratische Formen politischer Mitwirkung und ein allgemeines Wahlrecht, wie wir sie heute kennen, gab es weder zu der Zeit, als das Volk Israel in Ägypten im Exil war, noch nach seinem Einzug ins Land Kanaan, noch zur Zeit Jesu.

Aber der im Zusammenhang der Schöpfung gegebene Auftrag an uns Menschen, das Verhalten der Propheten, die Verheißung des Reiches Gottes und die Botschaft, dass das Reich Gottes seit Jesu Ankunft und Wirken auf unserer Erde besteht und wächst, ermutigt uns, stärkt uns und fordert uns heraus, dass wir als NachfolgerInnen Jesu (disciples) Verantwortung übernehmen und uns auf vielerlei Weise in der Gesellschaft engagieren.

Engagement in einem sozialdiakonischen Projekt und Unterstützung und Einsatz für benachteiligte Menschen sind persönliche Zeugnisse in der Gesellschaft für Gottes Reich der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit. Indem wir das von unseren Vorfahren hart erkämpfte Wahlrecht (von Männern und Frauen) ausüben, nehmen wir außerdem unsere politische Verantwortung für die Leitung unseres Staates oder unserer Stadt wahr. Der Glaube eines disciples betrifft nicht nur das eigene persönliche Tun; der Glaube bildet sich auch eine Meinung, wie viel oder wie wenig die politische Einstellung und die Wahlversprechen von KandidatInnen dem Reich Jesu, der Liebe, der Gerechtigkeit, dem Erhalt der Schöpfung Gottes entsprechen.

Deshalb brauchen disciples einen scharfen und wachen Geist, um - aus der tiefen Beziehung zu Gott heraus - zu erkennen und zu entscheiden, ob der politische Wille und die Integrität dieses Kandidaten oder jener Kandidatin eher zum christlichen Glauben und zur Ethik Jesu passt. Deshalb sollten wir deren politische Handlungen und Entscheidungen kontinuierlich beobachten und kritisch beurteilen. Nicht das freundliche Gesicht, nicht die gestylte Person, auch nicht das selbstsichere Auftreten des Wahlkämpfers und der Wahlkämpferin sind unsere Wahlprüfsteine, auch nicht die hehren Versprechungen und erst recht nicht die abfälligen und verletzenden Bemerkungen über den politischen Gegner und die politische Gegnerin. Leitfragen für unseren Entscheidungsprozess könnten sein: Wie versteht der Kandidat/ die Kandidatin Frieden - Weltfrieden, Frieden in der Gesellschaft, Frieden in der Wirtschaft? Wie denkt der Kandidat/ die Kandidatin über Gerechtigkeit – im eigenen Land und weltweit? Wie denkt er oder sie über die Armen, die Ausgegrenzten, die Benachteiligten, die Fremden? Welche Bedeutung misst der Kandidat/ die Kandidatin der Wirtschaft zu – Wachstum und Gewinne um jeden Preis oder eine solidarische Ökonomie? Wie steht der Kandidat/ die Kandidatin zum Schutz und zum Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen?

Ich bin davon überzeugt, dass wir mit der Teilnahme an Wahlen von Präsidenten, Bürgermeister usw. unsere von Gott gegebene Verantwortung ernst- und wahrnehmen. Dies sollten wir mit einem wachen, von Gottes Geist inspirierten Geist tun. Denn wir bezeugen den Gott des Lebens, der die Fülle des Lebens allen seinen Geschöpfen schenken will, der die Friedensstifter segnet, der immer wieder Gerechtigkeit anbietet und einfordert und der Versöhnung ermöglicht und Freiheit schenkt.

Pastor Hans-Martin Renno dient (50%) als Referent für diakonische und gesellschaftspolitische Verantwortung in der deutschen EmK und (50%) als Pastor der EmK-Gemeinde in Freiburg im Rheintal.